Die erste deutsche Twitter- Fahndung / Fahndung in sozialen Netzwerken

Die Veröffentlichung des folgenden Beitrags erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Verfassers, Herrn Rainer Seiffert aus Aachen. Er berichtet von der ersten großen Twitter-Fahndung in Deutschland, die er - in Abstimmung mit der Polizei - im Frühjahr 2010 durhgeführt hat. Heute nutzt die Polizei regelmäßig dieses Medium für ihre Fahndungen.

Tathergang

Mein Sohn, der Software-Entwickler Bernd Seiffert, wurde am 28.04.2010 in Mönchengladbach - als er auf seinem Fahrrad fuhr - von einem Mercedes- Sprinter mit hoher Geschwindigkeit erfasst und gegen/auf einen Steinpoller geschleudert.

Es hätte Jeden - der da zu der Zeit vorbeigefahren wäre - treffen können!


Express: "Der Radler war in Richtung Innenstadt unterwegs, als er von hinten touchiert wurde. Der Verkehrsrowdy flüchtete weiter in Fahrtrichtung. Die Unfallstelle befindet sich in Höhe Kothausen gut 100 Meter vor der Einmündung St.-Christophorus-Straße in Dorthausen.





(Der schreckliche Ort: die vierspurige Gladbacher-Straße mit Mittelstreifen und Scheinwerferwagen (Polizeifoto)) 

Dort war der 26-jährige aus Aachen stammende junge Mann von Verkehrsteilnehmern aus Krefeld gegen 0.50 Uhr entdeckt worden."

Bernd Seiffert lag 10 bis 20 Minuten am Unfallort, bis er durch sein Winken entdeckt wurde. Diese Zeit hätte nach meiner Meinung ausgereicht, um sein Leben zu retten, denn er wäre entsprechend früher ins Krankenhaus gekommen und seine Verletzungen hätten nicht zwangsläufig tödlich sein müssen.



Der Fahrer Michel M. entfernte sich vom Tatort ohne sich um den Schwerstverletzten zu kümmern. Mein Sohn - der noch einige Zeit bei vollem Bewußtsein war - verstarb er erst einige Stunden nach einer Notoperation. 
















Fahndung

Nach dem tödlichen Verkehrsunfall mit Flucht hatte die Polizei in Mönchengladbach am 28.04.2010 eine Ermittlungskommission gebildet. Neben den Fachleuten der dortigen Unfallfluchtfahndung und des Verkehrskommissariates sind auch Beamte der Mordkommission und des Erkennungsdienstes zu dem insgesamt 14-köpfigen Team zusammen gefasst worden. Mit der Leitung wurde der erfahrene Leiter von Mordkommissionen, Kriminalhauptkommissar Friedhelm Schultz, beauftragt.



Nach den Erkenntnissen der Fahnder handelte es sich bei dem Fahrzeug des Flüchtigen um einen Mercedes-Transporter Typ „Sprinter“ oder um einen weitgehend baugleichen VW „Crafter“. Fahrzeugteile, die an der Unfallstelle sichergestellt wurden, konnten diesen Fahrzeugtypen zugeordnet werden.









(Bernd Seiffert)

Die Teile werden seit 05/2006 an diesen Fahrzeugen angebaut. Infrage kamen sämtliche Modellvarianten: geschlossener und offener Kastenwagen sowie offene Pritsche. Die Fahnder suchten ein solches Fahrzeug an dem der rechte Außenspiegel fehlt.



Das Interesse in den Medien (Fernsehen, Radio, Zeitungen und in den Internet-Netzwerken) war wegen der besonderen Tragik und wegen meiner ständigen Information über die Vorgänge in den neuen Medien (Twitter und Facebook) sehr groß.  







(Tatfahrzeug, Polizeifoto)


Einige Zeitungen und Fernseh- Sender hatten auch meine Twitter-Meldungen aboniert. 


Es wurde ausführlich und über einen ungewöhnlich langen Zeitraum hinweg in den diversen Tageszeitungen, Illustrierten, Internet-Nachrichtendiensten sowie verschiedenen Fernseh- und Radio-Nachrichtensendungen über das tragische Geschehen berichtet.

Seit ca. drei Jahren nutze ich das Internet-Netzwerk "Twitter". Seit über zwei Jahren bin ich - gemessen an der Anzahl meiner Leser, die meine Nachrichten aboniert haben - einer der größten deutschen Twitterer.



Nachdem ich - in meiner Verzweiflung - meine zusammengerechnet ca. 380.000 Twitter-Freunde benachrichtigt hatte, wurde in dem Netzwerk Twitter ein wahrer Sturm an "Retweets" ausgelöst, welche meine "Fahndungsanfragen" in ganz Deutschland und in der Welt verbreitet haben.




In den Twitter-Fahndungsmeldungen habe ich über die tödliche Fahrerflucht in Mönchengladbach informiert und danach gefragt, wer einen Mercedes-Sprinter Kleinlaster mit fehlendem rechten Seitenspiegel gesehen hat. Ferner habe ich dabei die Telefonnummer der Sonderkommission angegeben.

Durch die ständigen Meldungen in Twitter, die über einen Zeitraum von mehreren Tagen in kurzen Zeitabständen und zusätzlich mit Städtenamen der größeren Städte im Umkreis von 1.500 Kilometern verbreitet wurden, in Verbindung mit einem Multiplizierungs-Effekt, war es möglich, die öffentliche Aufmerksamkeit über vier Tage hinweg aufrecht zu erhalten.

Der Sprecher der Polizei sagte, dass noch nie zuvor bei einer Fahrerflucht so viele Hinweise eingegangen sind.

Die Tatsache, dass über den Fall so lange in den Medien berichtet wurde, führte schließlich auch zum Erfolg. Nach fast vier Tagen wurde der Täter festgenommen.


Später habe ich erfahren, dass das FBI und die Polizei in den USA schon seit einiger Zeit in Twitter nach Verbrechern fahndet.



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Express vom 03.05.2010: "Nach dem ersten Schock war für Seiffert klar: „Den muss ich finden.“ Und das wollte er nicht nur der einberufenen Mordkommission überlassen. Seiffert zum EXPRESS: „Ich wäre sonst verrückt geworden.“

Deshalb nutzte Seiffert den Internet-Nachrichten-Dienst „Twitter“. Er schickte dort seit Donnerstag jede Stunde Nachrichten hin, fragte 380.000 (!) Nutzer nach Hinweisen. .............“

Ermittlungs-Leiter Friedhelm Schultz: „Wir bildeten eine Kommission aus Mord-Ermittlern, Unfall- und Spurenexperten. Das Hinweis-Aufkommen war riesig, dank vieler Medien, auch Twitter.“ Das zeigte Wirkung: Ein Zeuge meldete nach dem Unfalltag einen beschädigten Sprinter und kannte auch den Fahrer."



Festnahme

Am 02. Mai 2010 habe ich erfahren, dass der Todesfahrer von der B57 bei seiner Festnahme - auch nachdem er ohne Fahrerlaubnis einen Menschen totgefahren hatte - mit Bier hinterm Steuer und mit 0,74 Promille in einem anderen Auto gefasst wurde.

Bei der Presse-Konferenz am 03.05.2010 hat die Polizei darüber informiert, dass Michel M. seine Fahrerlaubnis bereits vorher verloren hatte und ohne Führerschein fuhr. Da er meinen Sohn liegen ließ, um seine kriminelle Tat zu vertuschen, wurde Haftbefehl wegen versuchtem Mord und fahrlässiger Tötung erlassen.

RP-Online, 06.05.2010: "Michel M. sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft wegen fahrlässiger Tötung und versuchten Mordes. Doch möglicherweise haben sich noch mehr schuldig gemacht. Zwar gingen bei der Ermittlungskommission bereits neue Hinweise ein, die den Abend vor der Tat betreffen. Trotzdem sucht die Polizei noch weitere Zeugen. Sie fragt: Wo hat sich Michel M. in der Zeit von Dienstag, 27. April, 19 Uhr, und Mittwoch, 28 April, 17 Uhr, aufgehalten? Hatte er Alkohol getrunken? Und: War er in Begleitung? Geklärt werden soll auch noch die Frage, was mit dem Unfallauto, einem dunkelgrauen Mercedes Sprinter, nach dem Unfall (28. April, 0.50 Uhr, bis 1. Mai,15.30 Uhr) genau geschah. Sicher ist, dass jemand die Unfallspuren reparierte. So ist beispielsweise ein beschädigter rechter Außenspiegel ersetzt worden. Die Polizei hatte den Wagen in einer Halle nahe der Trabrennbahn gefunden.


Auszug aus Verlautbarung bei der Polizei-Pressekonferenz: „Anhand von Rückspiegel-Splittern am Unfallort stellten wir fest, dass der Unfallwagen ein Mercedes- oder VW-Transporter sein musste“, sagt Hauptkommissar Friedhelm Schultz von der Mönchengladbacher Polizei. „Dann bekamen wir einen Hinweis, dass M. am Unfalltag alkoholisiert mit einem Mercedes-Sprinter unterwegs war.“ Ein weiterer Hinweis brachte die Beamten zum Unfallwagen. Schultz: „Er stand in einer Halle, hatte Unfall-Spuren. Der rechte Spiegel war neu. Reste des alten fanden wir im Container.“ Plötzlich fuhr Marquardt an der Halle vor. Schultz: „Er hatte getrunken. Eine Flasche Bier lag im Auto.“ Der ledige Dachdecker gab alles zu. „Angeblich war er unterwegs, um Zigaretten zu kaufen. Dann bemerkte er den Aufprall, erkannte einen Radler. Aber weil er keinen Führerschein hatte, flüchtete er.“







Ich danke den Hinweisgebenden und den Ermittlungsbehörden dafür, dass sie den Täter so schnell ermittelt haben.



Für die überwältigende Unterstützung bei dieser großen Fahndungsaktion und für die wertvollen und unzählbaren Beileidsbekundungen bin ich ebenfalls sehr dankbar.









 (Gefängnis, Mönchengladbach)

Weitere ausführlichere Informationen über den Fall können Sie dem speziellen Fahndungs- Blog entnehmen:

http://fahrerflucht.wordpress.com/